19. Johann Sebastian und Anna Magdalena Bach – ein Arbeitspaar. Einschub: Friedelena Margaretha Bach
- Eberhard Spree

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„Die Führung des Haushalts der Familie Bach lag in den Händen von Friedelena Margaretha Bach (1675–1729)“. Diese These, so oder mit ähnlichen Worten formuliert, ist recht verbreitet. Bei der Betrachtung des Arbeitspaares Johann Sebastian und Anna Magdalena Bach kann sie durchaus größeren Einfluss haben. Deshalb soll ihr an dieser Stelle nachgegangen werden. Diese Ausführungen werden auch zeigen, wie mühsam und fehleranfällig der Versuch ist, aus wenigen Fakten und einigen Hinweisen das Bild einer Persönlichkeit entstehen zu lassen.
Im Taufbuch der Gemeinde Gehren (Thüringen) wurde für den 20. November 1675 vermerkt: „ist dem Organisten alhier, Herrn Johann Michael Bachen ein Töchterlein Friedelena Margretha getaufft worden“ (Hübner 2021, Seite 118). Mit Johann Sebastian Bach war Friedelena Margaretha Bach entfernt verwandt. Sie hatten den gleichen Urgroßvater.
1775 schickte Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788), der Sohn Johann Sebastian Bachs, einem Bekannten eine Genalogie der Familie Bach, zu der er mitteilte: „Den ersten Aufsatz machte mein seel. Vater vor vielen Jahren“ (Dok I, Seite 263). Die Anlage dieser Aufstellung kann auf 1735 datiert werden. Über Johann Michael Bach (1648 –1694), den Vater von Friedelena Margaretha, ist zu lesen: „Hinterließ nach seinem Tode eine Witteb, nehmlich Herrn StadtSchreiber Wiedemanns [sic] von Arnstadt 2te Tochter, und mit selbiger 4 unversorgte Töchter, aber keinen Sohn“ (Dok I, Seite 258). Bei den vier Töchtern handelte es sich neben Friedelena Margaretha um Anna Dorothea (1677 – ?), Barbara Catharina (1679 – 1737) und Maria Barbara (1684 – 1720).
1701 heiratete Anna Dorothea, die Schwester von Friedelena Margaretha, in Gehren (Kock 1995, Seiten 74, 76, 109 und 113 f.). In diesem Ort verstarb im Oktober 1704 die Mutter Catharina Bach geborene Wedemann.
Der Name von Schwester Barbara Catharina erscheint dann 1705 in einer Arnstädter Akte. Dort war Johann Sebastian Bach von 1703 bis 1707 Organist an der Neuen Kirche. Im August 1705 hatte er auf dem Markt von Arnstadt zu nächtlicher Stunde eine Auseinandersetzung mit einem Schüler. Eine Barbara Catharina Bach war Zeuge des Vorfalls und ihre Aussage wurde aufgenommen. Der Bachforschung sind zwei Personen dieses Namens bekannt. Es wird sich bei dieser Zeugin um Friedelena Margarethas Schwester gehandelt haben. Die andere Trägerin dieses Namens scheidet aus, weil in ihrem Beisetzungsvermerk vom Januar 1709 vermerkt ist: „über 4 Jahre bettlägrig gewesen“ (Kock 1995, Seite 76).
Am 17. Oktober 1707 wurden in der Kirche von Dornheim, einem Ort vier Kilometer von Arnstadt entfernt, „der Ehrenveste Herr Johann Sebastian Bach“ mit der „tugend samen Jungfer Marien Barberen Bachin, des weyland wohl Ehrenvesten und Kunst berühmten Herrn Johann Michael Bachens, Organisten in Amt Gehren Seelig nachgelaßenen jüngest Jungfer Tochter“ vermählt (Dok II, Seite 28).
Obwohl Friedelena Margaretha in keinem Dokument erscheint, kann zusammenfassend wohl geschlussfolgert werden, dass sie gemeinsam mit ihren beiden unverheirateten Schwestern nach dem Tod der Mutter 1704 nach Arnstadt übersiedelte, wo Verwandte lebten.
Von 1707 bis 1708 war Johann Sebastian Bach Organist in Mühlhausen und zog dann mit seiner Ehefrau nach Weimar. Dort kam ihr erstes Kind Catharina Dorothea (1708–1774) zur Welt. In einer dortigen Akte zur Veranlagung einer Haushaltungssteuer für die Bewohner einer Wohnung ist für den März 1709 zu lesen: „Der Herr Organist: Johann Sebastian Bach, nebst seiner Liebsten, und ihrer Schwester.“ (Dok II, Seite 39) Dabei könnte es sich um Friedelena Margaretha gehandelt habe. Es ist aber nicht vollkommen auszuschließen, dass zu diesem Zeitpunkt die Schwester Barbara Catharina dort lebte, die 1737 unverheiratet in Arnstadt verstarb.
In Schriftstücken wird Friedelena Margaretha Bach nach ihrem Taufeintrag erst wieder in einem Schulheft von Wilhelm Friedemann erwähnt. Dort sind folgende Namen aufgeführt:
„Willhelm: Friedeman Bach. [1710–1784]
Carl. Phillipp. Emanuel. Bach.“ [1714–1788]
Von ungelenk wirkender Hand sind ergänzt:
„Johann. Gottfried. Bernhard: Bach [1715–1739]
Christina: Sophiae Henrietta Bachin
mortuae est, die 29 Junio aeta:
3 2/4 1726
Joh. Gottfried. Heinrich Bach [1724–1763]
Christina. Gottlieb Bach [1725–1728]
Johann Sebastian. Bach
Friedelena Marg“ (siehe Abbildung).

Abbildung: Eintrag in einem Schulheft von Wilhelm Friedemann Bach, das 1902 beim Abriss der Thomasschule gefunden wurde (Freyse 1953, Seiten 103 ff.; Sammlung Bachhaus Eisenach / Neue Bachgesellschaft e.V.)
Es handelt sich bei den ersten sechs Namen um Kinder der Familie Bach, die seit Mai 1723 am Thomaskirchhof in Leipzig wohnte. Das Sterbedatum von Tochter Christina Sophia Henrietta, der 29. Juni 1726, scheint nachträglich eingefügt, aber bevor der Nachname von „Joh. Gottfried. Heinrich“ geschrieben wurde. Somit dürfte der zweite Teil dieser Namensaufzählung nach dem 29. Juni 1726 niedergeschrieben worden sein.
Es sei darauf hingewiesen, dass die Namen von Anna Magdalena Bach und ihre Tochter Elisabeth Juliana Friderica, die im April 1726 geboren wurde, fehlen. Auch Catharina Dorothea (1708–1774), die, wie erwähnt, in Weimar zur Welt kam, ist nicht aufgeführt. Somit ist bei einer Deutung dieses Schriftstücks Vorsicht geboten. Es handelt sich nicht um ein amtliches Dokument, aus dem hervorgeht, wer alles im Hauswesen der Familie Bach lebte. Es ist eine Namensaufzählung, deren Grund unbekannt ist, und die auch mitten im Namen Margaretha abbricht. Vielleicht war es nur eine Übung, Namen mit lateinischen Buchstaben zu schreiben.
Dieses Schriftstück könnte aber als kleiner Hinweis für einen dauerhaften Aufenthalt von Friedelena Margaretha Bach zu dieser Zeit im Haushalt ihres Schwagers gewertet werden. Allerdings ist auch nicht vollkommen auszuschließen, dass sie durch einen Besuch, einen Brief oder ein Geschenk in besonderer Erinnerung geblieben war.
Im Kommunikantenverzeichnis der Thomaskirche ist für den 20. Juli 1729 verzeichnet, dass „des Herrn Cantoris Jfr. Schwägerin am Thomas Kirchhoffe” ein Heiliges Abendmahl gereicht wurde (Dok II, Seite 127; Dok V, Seite 292). Leider hat der Schreiber nur das Verwandtschaftsverhältnis angeführt und nicht deutlich gemacht, ob sie in der Wohnung ihres Schwagers lebte. Es fehlt auch ihr Name.
Dem Leichenbuch der Totengräber, das sich heute im Stadtarchiv Leipzig befindet, ist zu entnehmen: Am Donnerstag, den 28. Juli 1729, verstarb „Friedelena Margaretha, Johann Michael Bachs, Organistens in Gehren bey Ilmenau hinterl. Tochter im Thomas Kirch Hofe“.
Diese beiden Schriftstücke bilden die Grundlage für die Schlussfolgerung, dass Friedelena Margaretha Bach zumindest in ihrer letzten Lebensphase in der Wohnung ihres Schwagers lebte und dort verstarb.
Soweit die wenigen Fakten über ihr Leben, die immer wieder Anlass zu zahlreichen Vermutungen gaben. Es ist möglich, dass dabei Erfahrung aus den 1950er-Jahren eine Rolle spielen oder Vorstellungen über diese Zeit. Damals war es typisch, dass Haushaltsarbeiten, wie das Kochen, Wäschewaschen, das Reinigen der Wohnung, die Versorgung der Kinder vor allem durch weibliche Mitglieder der Familie erfolgten. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden solche Arbeiten aber vor allem durch Dienstpersonal verrichtet. Erinnert sei an die Thomasschulordnung von 1723, in der ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass die Wohnung, die Johann Sebastian Bach zur Verfügung gestellt wurde, groß genug für „Weib, Kinder und Gesinde“ sei (siehe: 5. Gab es Gesinde im Haushalt der Familie Bach? Teil II). Auch ein Student hatte gewöhnlich eine Aufwartefrau, die ihm die Schuhe putzte, die Stube reinigte, Einkäufe erledigte (Müller 2007, Seiten 53, 65 f., 93, 97, 200).
Natürlich ist es möglich, dass Friedelena Margaretha gleich nach der Eheschließung ihrer Schwester in deren Haushalt zog und dort unterstützend mitwirkte. Dass die Führung dieses Hauswesens in ihren Händen lag, kann aber wohl ausgeschlossen werden. Das stand der Ehefrau zu. Sie war „die Gehülffin des Haus-Vaters, folglich die andere Haupt-Person einer Haus-Wirthschafft, ohne welche selbige nicht leicht in guter Ordnung angestellet und geführet werden mag. In Anbetrachtung der ehelichen Gesellschafft ist sie als Ehe-Frau und Mutter anzusehen, in Absicht der Herrschafft und Haushaltung aber, als die Frau vom Hause und Befehlshaberin zu achten“ (Zedler 1735, Band 12, Spalte 907).
Für die Zeit in Köthen, wohin die Familie Bach von Weimar 1717 zog, gibt es keinen Nachweis, dass Friedelena Margaretha bei ihrer Schwester und ihrem Schwager wohnte, was aber nicht bedeuten muss, dass dies nicht der Fall war.
Vielleicht spielte sie eine ganz wichtige Rolle im Haushalt, nachdem ihre Schwester Maria Barbara im Juli 1720 verstorben war. Vielleicht wurden die zusätzlich anfallenden Aufgaben aber auch durch Dienstpersonal erledigt. (So war es zum Beispiel als Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach 1732 nach Kassel reisten. Siehe: 5. Gab es Gesinde im Haushalt der Familie Bach? Teil II).
Auch Überlegungen zum Verhältnis Friedelena Margarethas zur 26 Jahre jüngeren Anna Magdalena Wilcke, die im Dezember 1721 Johann Sebastian Bach heiratete, können nur Spekulationen sein. Das gilt auch für das Leben Friedelena Margarethas in Leipzig. Es ist zum Beispiel nicht bekannt, ob ihrem Sterben eine längere Leidenszeit vorausging.
Es ist auch möglich, dass sie Zeit ihres Lebens unter körperlichen und/oder kognitiven Einschränkungen litt. Dann wäre eine Mitwirkung im Haushalt von ihr nur stark eingeschränkt oder überhaupt nicht möglich gewesen. Vielleicht musste sie sogar auf Grund solcher Einschränkungen gepflegt werden.
Zusammenfassend kann also nur festgestellt werden, dass die Wissenslücken über Friedelena Margaretha Bach sehr groß sind und keine Schlussfolgerungen über die Art ihres Lebens zulassen. Äußerungen darüber sind reine Vermutungen.
Als sie vor ihrem Tod im Haushalt ihres Schwagers Johann Sebastian Bach lebte, muss es dort aber die Möglichkeit gegeben haben, sie unterzubringen. Wie diese Räumlichkeit danach genutzt worden sein könnte, soll in einem der nächsten Beiträge näher betrachtet werden.
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