18. Johann Sebastian und Anna Magdalena Bach – ein Arbeitspaar. Einschub: Die Wohnung der Familie Bach in Leipzig. Teil II
- Eberhard Spree

- 3. Dez. 2025
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Am 4. Juni 1723 berichtete die Stats- [sic] u. Gelehrte Zeitung Des Hollsteinischen unpartheyischen CORRESPONDENTEN: „Am vergangengen Sonnabend zu Mittage kamen 4. Wagen mit Haus-Raht beladen von Cöthen allhier an, so dem gewesenen dasigen Fürstl. Capell-Meister, als nach Leipzig vocirten Cantori Figurali, zugehöreten; Um 2. Uhr kam er selbst nebst seiner Familie auf 2 Kutschen an, und bezog die in der Thomasschule neu renovierte Wohnung“ (Dok II, Seite 104). Diese Mitteilung war mit der Anmerkung versehen: „Leipzig, den 29. May.“ Der Tag des Einzuges der Familie Bach in die Dienstwohnung des Cantors in der Thomasschule zu Leipzig war der 22. Mai 1723.

Abbildung 1: Thomaskirchhof mit Thomasschule und Thomaskirche. Die Dienstwohnung des Cantors befand sich im südlichen Teil des Gebäudes, der auf der Abbildung zum Betrachtenden zeigt. Kupferstich von Johann Gottfried Krügner dem Älteren, 1723 (Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Objekt S0002145)
Es haben sich Pläne von der Thomasschule erhalten, die mit Eintragungen versehen sind, in denen ein „Magister Pezold“ erwähnt ist (siehe Abbildung 4). Dabei dürfte es sich um Carl Friedrich Petzold (1675–1731) handeln, der ab 1704 Lehrer an der Thomasschule war und kurz vor seinem Tod Conrector dieser Einrichtung wurde (Dok V, Seite 425). Somit ist davon auszugehen, dass diese Pläne eine Raumsituation der Thomasschule aus der Zeit seines dortigen Wirkens wiedergeben und Anhaltspunkte dafür liefern, wie die Wohnung der Familie Bach 1723 aussah (siehe Abbildungen 2, 3 und 4).
1731/32 erfuhr die Thomasschule einen großen Umbau. Das Dach wurde entfernt, das Gebäude um anderthalb Geschosse erhöht und mit einem neuen Dachaufbau versehen. Das Ehepaar Bach lebte dann bis zum Tod von Johann Sebastian 1750 in der etwas veränderten Dienstwohnung. Weil das ein deutlich längerer Zeitraum war, wurde auf die Raumsituation nach dem Umbau bereits im Beitrag „17. Das Arbeitspaar – Einschub: Die Wohnung der Familie Bach in Leipzig. Teil I“ eingegangen. Dort sind auch Baupläne für den Umbau und Größenangaben zu den Zimmern zu finden.
Vergleiche der Pläne für die Umgestaltung mit denen aus der Zeit davor zeigen im Erdgeschoss kaum Veränderungen.

Abbildung 2: Südlicher Teil des Erdgeschosses der Thomasschule (Cantorenwohnung) vor dem Umbau 1731/32 (Stadtarchiv Leipzig, RRA [F] 283)
Auch vor der Neugestaltung befanden sich im westlichen Teil des Erdgeschosses das Waschhaus und die Toilette (Secret). Die Treppe zum 1. Obergeschoss war gewendelt und hatte ein Podest, das deutlich größer war als auf dem Plan für den Umbau. Auf diesem ist der Raum links vom Eingang auch nicht unterteilt in „Stübgen“ und „Cammer“. Eine solche Teilung hätte aber auch nach dem Neubezug 1732 jederzeit vorgenommen werden können. Kurz vor dem Abriss der Thomasschule 1902 gab es in diesem Raum jedenfalls eine Trennwand (Richter 1904, Seite 50).
Für das 1. Obergeschoss ist in den Plänen vor dem Umbau ein Raum mit „der Tertianer Auditorium“ bezeichnet (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3: Südlicher Teil des 1. Obergeschosses der Thomasschule (Cantorenwohnung) vor dem Umbau 1731/32 (Stadtarchiv Leipzig, RRA [F] 284)
In einer Akte heißt es jedoch, dass „dem Cantori eine Stube abgetheilet, so vormahls das auditorium der 3.tiae Classis gewesen.“ (GTK-Dok, Seiten 184 f.). Die Familie Bach muss also, im Gegensatz zu diesem Plan (Abbildung 3), hier zusätzlichen Wohnraum gehabt haben. Über die Größe dieser abgeteilten Stube wird keine Auskunft gegeben. Ihre Fläche wurde nach dem Umbau wieder für Schulzwecke genutzt. Dafür erhielt die Familie Bach ein Zimmer im neuerbauten 3. Obergeschoss, zu dem auch ein Vorplatz (Flur) gehörte, von dem eine Treppe ins Stockwerk darunter und eine ins Dachgeschoss führte. Ansonsten gab es nach den Unterlagen keine bedeutenden Veränderungen im 1. Obergeschoss in der Wohnung des Cantors. Auch vor dem Umbau befanden sich dort auf der östlichen Seite zwei Wohnräume (ca. 20 und 17 m2), auf der Südseite eine kleine Küche (rund 9 m2) sowie auf der westlichen Seite eine Stube (ca. 15 m2) nebst einer Kammer (ca. 10 m2). Diese Räumlichkeiten waren durch einen Vor-Platz (Flur) verbunden (zu den Größenangaben siehe „17. Das Arbeitspaar – Einschub: Die Wohnung der Familie Bach in Leipzig. Teil I“).
Für das 2. Obergeschoss gibt der Plan vor dem Umbau dann jedoch Rätsel auf. Die Führung der Treppe vom 1. zum 2. Obergeschoss ist nicht nachvollziehbar, was aber wohl keine größeren Auswirkungen auf die Einschätzung der Wohnsituation der Familie Bach hat. Es sind dort aber an der Ostseite für die Cantorenwohnung eine Stube und ein Vor-Platz (Flur) mit je einem Fenster eingezeichnet (siehe Abbildung 4).

Abbildung 4: Süd-östlicher Teil des 2. Obergeschosses der Thomasschule (Cantorenwohnung) vor dem Umbau 1731/32 (Stadtarchiv Leipzig, RRA [F] 285)
Nach dem Umbau standen der Familie Bach in diesem Geschoss auf der östlichen Seite dann zwei Zimmer mit insgesamt drei Fenstern in diese Himmelsrichtung zur Verfügung (siehe Abbildung 5).

Abbildung 5: Süd-östlicher Teil des 2. Obergeschosses der Thomasschule, Plan für den Umbau 1731/32 (Zeichnung von George Werner, Stadtarchiv Leipzig, RRA [F] 295, Ergänzungen: E. Spree)
In der Planung für die Umgestaltung gibt es aber keinen Hinweis, dass die Dienstwohnung des Cantors in diesem Geschoss vergrößert wurde. Konnte die Familie Bach vielleicht bereits vor dem Umbau einen Teil des Raumes nutzen, der als „Mag. Pezolds Bibliothek“ bezeichnet ist?
Unabhängig davon kann zusammenfassend festgestellt werden, dass die Wohnung der Familie vor dem Umbau incl. der Vor-Plätze (Flure) und der Küche eine Fläche von rund 200 m2 hatte. Danach war sie etwas, aber nicht bedeutend, größer und erstreckte sich statt über drei nun über vier Etagen.
Die Dienstwohnung, in welche die Familie Bach 1723 einzog, war frisch renoviert. Dafür hatte die Stadt Leipzig mehr als 100 Taler ausgegeben (Dok II, Seite 104). Zum Vergleich: Diese Summe entsprach ungefähr zwei Jahresgehältern eines Bergmanns in einem kursächsischen Bergwerk (Spree 2019, Seite 37).
Einer Plage, unter der die Thomasschule litt, wird eine solche Renovierung aber kaum entgegengewirkt haben. 1717 teilte ein Lehrer mit: „Man erwege zugleich das häuffige Ungeziefer, in dem Ratten und Mäuse in solcher Menge auff der Thomas-Schule angetroffen werden, daß sie auch am hellen Tage hervor kommen“ (Szeskus 2003, Seite 23). Dagegen konnte aber vorgegangen werden, wenn auch nur in einem begrenzten Raum, wie einer Wohnung. In einem Lexikon aus dieser Zeit ist zu lesen: „Unter allen Mitteln aber, die man wider die Ratten aussinnen mag, sind die Katzen das beste“ (Zedler Band 30, Spalte 1028). Heute ist bekannt, dass Katzen nur in seltenen Fällen Ratten angreifen und töten. Ratten meiden aber deren Aufenthaltsort, und so ist es durchaus möglich, dass zum Hauswesen der Familie Bach auch Katzen gehörten.
Über die Verwendung der einzelnen Räume der Cantorenwohnung durch die Familie Bach kann nur spekuliert werden. Bernhard Friedrich Richter (1850–1931) beschrieb ihren Zustand in den Jahren vor dem Abriss der Thomasschule, der 1902 erfolgte (Richter 1904, Seiten 31 ff.). Da sein Vater Ernst Friedrich Eduard Richter (1808–1879) ab 1861 dort Cantor war, kannte er die Dienstwohnung auch aus eigenem Erleben. Allerdings ist Vorsicht geboten, Ausstattungen und Nutzungen einzelner Räumlichkeiten, von denen er berichtete, auch auf die Wohnung zu übertragen, in der die Familie Bach wohnte.
Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass sich ein Raum, in dem die Mahlzeiten eingenommen wurden, in der Nähe der Küche befand, die im 1. Obergeschoss nachgewiesen werden kann. Ansonsten hätten zubereitete Speisen über Treppen transportiert werden müssen. Zum Komponieren brauchte Johann Sebastian Bach kein Instrument (Dok VII, Seite 52; Dok VII, Seite 109; Gerber 1790, Spalte 90). Er war für diese Tätigkeit also nicht unbedingt auf einen speziellen Raum angewiesen. In den Jahren, in denen Anna Magdalena Bach in dieser Wohnung lebte, brachte sie zwölf Kinder zur Welt. Es gibt mehrere Hinweise, dass diese durch Ammen ernährt wurden, die für die betreffende Zeit im Haushalt leben mussten („3. Wie viele Kinder hatte Anna Magdalena Bach zu versorgen? Teil II“). Etliche Kinder der Familie überlebten nicht ihre ersten Lebensjahre („2. Wie viele Kinder hatte Anna Magdalena Bach zu versorgen? Teil I“). Mindestens eine Magd dürfte in dieser Wohnung ihre Schlafstätte gehabt haben („4. Gab es Gesinde im Haushalt der Familie Bach? Teil I“). Sohn Wilhelm Friedemann (1710–1784) zog 1732 nach Dresden, wo er eine Anstellung als Organist an der Sophienkirche antrat. Auch seine Brüder Carl Philipp Emanuel (1714–1788), Johann Gottfried Bernhard (1715–1739) und Stiefbruder Johann Christoph Friedrich (1732–1792) verließen in den nächsten Jahren das Haus. All diese familiären Veränderungen werden Auswirkungen auf die Verwendung der einzelnen Räume in der Wohnung gehabt haben. Die meisten Stuben werden von der Familie Bach zwischen 1723 und 1750 in unterschiedlicher Weise genutzt worden sein.
Obwohl nur wenig über das alltägliche Leben in diesem Hauswesen bekannt ist, kann doch nachgewiesen werden, dass Martha Elisabeth Hesemann, eine Verwandte von Anna Magdalena Bach, im Herbst 1742 für längere Zeit zu Besuch war (Ranft 1986, Seiten 169 ff.; Dok II, Seite 402). Johann Elias Bach, ein entfernter Verwandter von Johann Sebastian Bach, war von 1737 bis 1742 Privatsekretär und Hauslehrer bei der Familie und dürfte als Gegenleistung dort gewohnt haben (Dok I, Seite 118; Dok II, Seite 396).
Allein diese Beispiele beweisen, dass das Ehepaar Bach Möglichkeiten sah, in der Wohnung nicht nur die Kinder und Dienstpersonal unterzubringen, sondern auch noch Personen darüber hinaus. Darauf soll in weiteren Beiträgen eingegangen werden. Im nächsten geht es um eine Schwägerin Johann Sebastian Bachs, die 1729 in dieser Wohnung verstarb.
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