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11. Das Arbeitspaar – außerdienstliche Auftritte

Arbeitspaar – diesen Begriff für Ehepaare in der Frühen Neuzeit prägte Heide Wunder. Sie ist Historikerin und eine maßgebende Kapazität für Forschungen über Gestaltungen von Geschlechterverhältnissen. In der Zeit, in der Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach lebten, war es typisch, dass ein Ehepaar gemeinsam einem Hauswesen vorstand, zu dem neben den Kindern auch das Dienstpersonal, Angestellte, Gesellen, Lehrlinge oder Privatschüler gehörten. Das Hauswesen war nicht nur der privat/familiäre Bereich, sondern in den meisten Fällen auch der Raum für das Geschäftsleben. Sich ihrem Ehemann unterordnend war die Ehefrau all den Mitgliedern dieser Gemeinschaft weisungsberechtigt und vertrat ihren Ehemann bei dessen Abwesenheit – auch in geschäftlichen Dingen. In Dokumenten dieser Zeit wird das häufig nicht so deutlich, da das Unternehmen unter dem Namen des Mannes geführt wurde. Meist wird die Ehefrau erst erwähnt, wenn ihr Mann verstarb, weil sie den Betrieb weiterführte. Das ist zum Beispiel Leipziger Adressbüchern zu entnehmen, in denen eine Vielzahl von Unternehmen aufgeführt sind, die von Witwen geführt wurden. (Siehe Spree 2021, Seiten 121 f., 152 ff.)

In wissenschaftlichen Publikationen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, sind heute viele weitere Beschreibungen zu finden, die deutlich zeigen, dass Ehepaare als Arbeitspaare agierten. (Siehe zum Beispiel: Schmotz 2012, Seiten 72 ff.) Heide Wunder führt in ihre Maßstäbe setzenden Monografie „Er ist die Sonn’, sie ist der Mond“ ebenfalls etliche Belege dafür an. Dem sei an dieser Stelle ein weiteres Beispiel angefügt, das in gewisser Weise auch Verbindungen zur Familie Bach hat. Carl Friedrich Zelter (1758 – 1832) ist vor allem bekannt als der Musiklehrer des berühmten Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) welcher unter anderem in Leipzig die Schaffung des ersten Bach-Denkmals initiierte und sich auch sonst sehr für dessen Werk einsetzte. Carl Friedrich Zelter war ein leidenschaftlicher Sammler der Werke von Johann Sebastian Bach und hat als Leiter der Berliner Singakademie eine große Bedeutung bei der Bach-Rezeption. Sein Vater war Maurermeister, der ein Bauunternehmen führte. In seinen Lebenserinnerungen schreibt Carl Friedrich Zelter, dass seine Mutter die Baustellen aufsuchte, für die ihr Ehemann verantwortlich war, die Angestellten auszahlte und auch beurteilte. In diesem Aufgabenbereich war sie bereits vor der Geburt ihres Sohnes Carl Friedrich tätig. Außerdem bewirtschaftete sie zwei Ziegeleien, die ihr Ehemann gepachtet hatte. Auf ihnen waren rund zweihundert Arbeiter angestellt, die sie beaufsichtigte und auszahlte. Zelter teilt über seine Mutter mit: „der Faden des ganzen Geschäfts ging durch ihre Hand, aus der die eingegangnen Geldsummen sich in die kleinsten Portionen zerlegten.“ Als seine Mutter 1785 einen Schlaganfall erlitt, wirkte sich das sehr nachteilig auf den Betrieb aus. (Zelter 1931, Seiten 172, 245 f., 256)

Es war zur Zeit von Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach also keine Ausnahme, dass Ehepaare in geschäftlichen Bereichen zusammenarbeiteten, ja es war eine wirtschaftliche Grundlage der damaligen Gesellschaft. Die Vorstellung, dass bei der Familie Bach allein er für die Einkünfte verantwortlich war, während sie nahezu ausschließlich im privat/familiären Bereich wirkte, müsste belegt werden. Das dürfte unmöglich sein, denn es gibt etliche Hinweise, dass auch Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach als Arbeitspaar in geschäftlichen Bereichen gemeinsam agierten. Dem soll in diesem und folgenden Beiträgen nachgegangen werden.

 

Johann Sebastian Bach wurde 1723 zum Cantor an der Thomasschule und zum Music-Director der Stadt Leipzig gewählt. Damit war er für verschiedene Unterrichtsstunden an der Thomasschule und für die Musik zu den Gottesdiensten in den Leipziger Hauptkirchen St. Thomas und St. Nikolai verantwortlich. Mit seinem Amt verbunden war die Aufgabe, bei bestimmten weiteren Anlässen, für die musikalische Ausgestaltung zu sorgen. Damit sei das komplizierte Geflecht seiner Verpflichtungen in Leipzig grob umrissen.

Es gab aber auch Privatpersonen, die an ihn herantraten, um zum Beispiel für Huldigungen oder Ehrungen Kantaten zu bestellen und das gut bezahlten. Dass Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach bei solchen außerdienstlichen Auftritten gemeinsam als Musiker wirkten, ist bereits in den BeiträgenDie Sängerin. Teile III, IV und V“ ausführlich behandelt worden. Anna Magdalenas Anteil beschränkte sich dabei aber nicht nur auf ihre Mitwirkung als Sängerin. Obwohl es so wenige Dokumente über sie gibt, kann nachgewiesen werden, dass sie auch an der Vorbereitung beteiligt war. Wie bereits beschrieben (siehe „Die Sängerin. Teil III), war die Kantate für Sopran-Solo „O angenehme Melodei“ (BWV 210.1.) ein Werk, das mehrmals bei solchen außerdienstlichen Auftritten erklang. Es existiert davon nur noch eine Sopranstimme, doch lassen sich die Instrumentalstimmen durch die Hochzeitskantate „O holder Tag, erwünschte Zeit“ (BWV 210.2) weitgehend rekonstruieren. Die Sopran-Stimme ist dabei nahezu identisch. Nur beim Text und den Rezitativen gibt es größere Unterschiede. Das Ausschreiben der genannten Sopranstimme von „O angenehme Melodei“ (BWV 210.1) ist eine Gemeinschaftsarbeit von Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach. Sie begann diese Abschrift. Beim zweiten Satz hörte sie aber mit mitten im Satz damit auf und er setzte die Arbeit fort.


Ausschnitt aus der Sopranstimme der Kantate für Sopran-Solo „O angenehme Melodei“ (BWV 210.1), zweiter Satz. (Kraków, Biblioteka Jagiellońska, PL-Kj Mus. ms. Bach St. 72)

Die beiden sichtbaren oberen Zeilen wurden von Anna Magdalena geschrieben, ihr Ehemann setzte die Abschrift dann mitten im Satz fort.

 

Ein solches abwechselndes Arbeiten ist an weiteren Stellen dieser Sopranstimme zu erkennen.

Es ist faszinierend, über mögliche Gründe nachzudenken. Die dabei entstehenden Vorstellungen vermitteln den Eindruck, dichter am Geschehen zu sein, sind aber leider nur Fantasien. Sicher ist aber, dass sich bei außerdienstlichen Auftritten die Mitarbeit von Anna Magdalena Bach nicht in ihrer Mitwirkung als Sängerin bei der Aufführung erschöpfte. Natürlich war sie auch in den Probenprozess involviert. Dazu sowie für den Ablauf der Aufführung waren organisatorische Absprachen notwendig, in die sie eingebunden war, wobei es offenbleiben muss, wie groß ihr Anteil an der Organisation war. Nachzuweisen ist aber, dass sie auch an der Anfertigung des Stimmenmaterials mitwirkte.

Auf weitere Nachweise der Zusammenarbeit von Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach soll in folgenden Beiträgen eingegangen werden.




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