20. Johann Sebastian und Anna Magdalena Bach - ein Arbeitspaar: Privatschüler. Teil I
- Eberhard Spree
- 6. Mai
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Aktualisiert: vor 4 Tagen
Bei der Nutzung von Räumen in der Wohnung der Familie Bach gab es immer wieder Veränderungen, wobei auch Zimmer frei wurden, die dann anderweitig genutzt werden konnten. Dazu seien einige Beispiele angeführt: Am 28. Juli 1727 verstarb Friedelena Margaretha Bach, die Schwägerin von Johann Sebastian Bach. Etliche Tage vorher wurde ihr in der Dienstwohnung der Familie Bach, die sich in der Thomasschule befand, das Heilige Abendmahl gereicht (siehe 19. Johann Sebastian und Anna Magdalena Bach – ein Arbeitspaar. Einschub: Friedelena Margaretha Bach). Es ist wohl davon auszugehen, dass sie zumindest in ihren letzten Lebenstagen allein ein Zimmer bewohnte.
Sohn Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784) begann 1729 an der Leipziger Universität ein Jura-Studium. Sein Bruder Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788) wurde 1731 dort immatrikuliert. Bei der Verteilung der Zimmer in der Wohnung der Familie dürfte darauf Rücksicht genommen worden sein, dass sie für ihre Studien eine gewisse Ruhe benötigten. Wilhelm Friedemann trat im Juli 1733 eine Anstellung als Organist in Dresden an, Carl Philipp Emanuel wechselte im September 1734 an die Universität Frankfurt/ Oder.
Sohn Johann Gottfried Bernhard (1715–1736) trat im Juni 1735 sein Amt als Organist in Mühlhausen an.
Zwischen 1724 und 1742 brachte Anna Magdalena Bach zwölf Kinder zur Welt. Von diesen überlebten neun die ersten Lebenstage. Es gibt etliche Hinweise, dass für ihre Versorgung Ammen angestellt waren. Diese mussten in der Nähe des Säuglings leben, so dass wohl davon ausgegangen werden kann, dass nach den Entbindungen eine Amme mit dem jeweiligen Säugling einen eigenen Schlafraum hatte.
So ließ es die Wohnraumsituation zu, dass Privatschüler in dieses Hauswesen aufgenommen werden konnten. Leider gibt es für die Wohnung in Leipzig keine so umfangreichen Beschreibungen, wie sie von Philipp David Kräuter (1690–1741) aus Weimar vorhanden sind, wo Johann Sebastian Bach von 1708 bis 1717 lebte. Kräuter war sein Schüler, wobei das Augsburger Scholarchat seine Ausbildung finanzierte. Die Berichte, in denen er mitteilte, wie der das Geld verwendete, sind erhalten geblieben. Aus ihnen geht hervor, dass er im Haushalt der Familie Bach lebte, dort unterrichtet wurde und seine Mahlzeiten einnahm (Dok V, Seiten 117 ff.). Pro Jahr zahlte er dafür 80 Taler. Das war deutlich mehr, als ein ausgebildeter Bergmann in einem kursächsischen Silberbergwerk in einem Jahr verdiente (Spree 2019; Seite 37).
Auch für die Thomasschule kann nachgewiesen werden, dass dort Privatschüler lebten. Johann August Ernesti (1707–1781) war von 1734 bis 1759 an dieser Bildungseinrichtung Rector und bewohnte wie Johann Sebastian Bach eine Dienstwohnung in diesem Gebäude. Bei ihm wohnten „immer gut zahlende“ Schüler, die von ihm Privatunterricht erhielten (Kaemmel 1909, Seite 351).

Abbildung: Thomasschule zu Leipzig 1732. Die Dienstwohnung der Familie Bach befand sich im linken Teil des Gebäudes und erstreckte sich über vier Etagen,
die Dienstwohnung des Rectors befand auf der rechten Seite.
(Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Objekt GM000402)
Es wäre kaum nachvollziehbar, wenn nicht auch Johann Sebastian Bach diese Möglichkeit genutzt haben sollte. Die Ausbildung von Privatschülern war ihm eine Herzensangelegenheit. Georg Philipp Telemann (1685–1764) schrieb nach dem Tod von Johann Sebastian Bach:
„So schlaf! dein Nahme bleibt vom Untergange frey:
Die Schüler deiner Zucht, und ihrer Schüler Reyh
Dient, durch ihr Wissen, dir zur schönen Ehrencrone“ (Dok III, Seiten 7 f.).
Johann Nikolaus Forkel (1749–1818) widmet in seiner Bach-Biographie, die 1802 erschien, und für die er auf Informationen der Bach-Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel Bach zurückgriff, der Lehrart Johann Sebastian Bachs ein eigenes Kapitel. Dort teilt er mit: sein Unterricht war „der lehrreichste, zweckmäßigste und sicherste, den es je gegeben hat“ (Dok VII, Seite 49). Im Bach-Jahrbuch 2019 stellte Bernd Koska 61 gesicherte, 44 vermutliche und 33 vermeintliche Privatschüler Johann Sebastian Bachs vor, über die sich Unterlagen erhalten haben, die auf diesen Unterricht hinweisen (Koska 2019, Seiten 13 ff.).
Bei einem ständigen Aufenthalt des Schülers in der Wohnung des Lehrers konnten die Möglichkeiten der Ausbildung noch intensiviert werden. Das beschreibt der erwähnte Philipp David Kräuter sehr ausführlich. Außerdem konnte die Familie Bach auf diese Weise ihre Einkünfte deutlich vergrößern.
So verwunderte es nicht, dass es auch für die Leipziger Zeit Hinweise gibt, dass Privatschüler in der Wohnung der Familie Bach lebten. Der Sohn eines Privatschülers von Bach teilte über einen gewissen Johann Gottfried Müthel (1728–1788) mit: „Der Kapellm. Bach nahm ihn sehr freundschaftlich auf, und räumte ihm eine Wohnung in seinem Hause ein.“ (Dok II, Seite 497) Müthel trat diesen Unterricht im Mai 1750 an. Einige Wochen vorher hatte sich Bach einer Augenoperation unterzogen, an deren Folgen er litt. Am 26. Mai 1750 teilte er einem Bekannten mit: „An Hern. Schrötern bitte mein Compliment zu machen, bis daß ich selber im Stande bin zu schreiben“ (Dok I, Seite 124). Er war also zuversichtlich, dass sich sein Zustand bessern würde, verstarb aber am 28. Juli 1750. Dass auch unter diesen Umständen ein Privatschüler in die Wohnung der Familie Bach einzog, ist ein deutlicher Hinweis, dass es sich um einen bereits oft erfolgten Vorgang gehandelt haben muss (siehe auch Dok III, Seite 613).
Ein entfernter Verwandter von Johann Sebastian Bach war Johann Elias Bach (1705–1755). An der Leipziger Universität studierend war er von 1737 bis 1742 Privatsekretär und Hauslehrer bei der Familie Bach. In einem Brief teilte er 1741 mit: „Mein Logis ist bey dem Herrn Capell Meister Bach auf dem Thomas KirchHofe“ (Dok II, Seite 396). In einem Brief von 1739 erwähnt auch er einen „Stuben Purschen“ (Dok II, Seite 363). Berichte aus der damaligen Zeit zeigen, dass häufig zwei Studenten in einem Zimmer lebten (Müller 2007, Seiten 102, 218; Telemann 1740 Seiten 358 ff.). Das musste nicht zwingend finanzielle Gründe haben. Der Student Christian Müller (1720–1772) beschrieb, dass er während seines Studiums unter Einsamkeit und Heimweh litt: „Mein Vater suchte mich in seinen Briefen auf alle möglich Art zu ermuntern, er schlug mir vor, ob ich nicht Genüge hätte zur Gesellschaft einen Stuben Burschen zu wählen?“ (Müller 2007, Seite 72).
Um mindestens ein Zimmer zwei Privatschülern zur Verfügung zu stellen war die Wohnung der Familie Bach groß genug. Es hieße ihr wirtschaftliches Unvermögen zu unterstellen, wenn grundsätzlich ausgeschlossen wird, dass sie diese Möglichkeit nicht genutzt haben sollte. Diese Privatschüler gehörten dann zum Hauswesen der Familie Bach, dem Anna Magdalena Bach gemeinsam mit ihrem Mann vorstand. Sie war „als Ehe-Frau und Mutter anzusehen, in Absicht der Herrschafft und Haushaltung aber, als die Frau vom Hause und Befehlshaberin zu achten“ (Zedler 1735, Band 12, Spalte 907). Sie war für die Versorgung der im Haushalt lebenden Privatschüler verantwortlich, hatte auf deren Verhalten zu achten und zu überprüfen, ob sie ihren Aufgaben in der geforderten Weise nachkamen. Es kann auch nachgewiesen werden, dass sie in Unterrichtsprozesse involviert war. Ihre dabei erlangten Erfahrungen nutzte sie auch als Witwe. Darauf soll in folgenden Beiträgen eingegangen werden.
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